Stigmatisierung
Trotz besserer Aufklärung ist Demenz noch immer stigmatisiert. Dagegen helfen Offenheit, Wissen, Schicksalsgemeinschaften und persönliche Begegnungen.
Von Martin Mühlegg und Zeitenspiegel Reportagen
Aktualisiert am 25. März 2026
FAQ 1: Warum ist Demenz oft noch stigmatisiert?
Viele Menschen wissen zu wenig über Demenz und sehen nur das späte Krankheitsstadium. Angst vor Kontrollverlust und falsche Vorstellungen führen zu Vorurteilen. Das kann dazu führen, dass Betroffene ausgegrenzt oder nicht ernst genommen werden.
FAQ 2: Welche Folgen hat Stigmatisierung für Betroffene?
Aus Angst vor Ablehnung verschweigen viele ihre Diagnose oder suchen keine Hilfe. Das verschlechtert die Lebensqualität. Stigmatisierung kann zudem Isolation fördern und den Zugang zu Unterstützung und Behandlung erschweren.
FAQ 3: Was hilft gegen Stigmatisierung von Demenz?
Aufklärung, Offenheit und persönliche Begegnungen bauen Vorurteile ab. Wichtig ist, nicht nur Defizite zu zeigen, sondern auch Fähigkeiten. Austausch in Gruppen und Einbindung in die Gesellschaft stärken Verständnis und Akzeptanz.
Laut Welt-Alzheimer-Report 2019 – einer Befragung von 70.000 Menschen in 155 Ländern – ignorieren viele Menschen mit Demenz erste Krankheitssymptome aus Angst, an den gesellschaftlichen Rand gedrängt zu werden. Daraus resultiert oft eine schlechte Lebensqualität, weil die Patienten darauf verzichten, schon im Anfangsstadium Beratungs- und Behandlungsangebote anzunehmen. In Deutschland erklärten 20 Prozent der Befragten, sie würden Demenz vor anderen Menschen verheimlichen. In der Schweiz waren es zwölf Prozent. Auch Menschen, die ihre Demenz offen kommunizieren, sind mit Vorurteilen konfrontiert.
Dazu zählt die Annahme, dass Demenz aufgrund des damit verbundenen Autonomieverlusts die menschliche Würde raubt. Eine solche, ausschließlich negative Sicht auf die Erkrankung kann zu Distanz gegenüber Betroffenen und zu Ausgrenzung führen. Dabei schließen sich Demenz und Lebensqualität nicht grundsätzlich aus. Ein weiteres Problem: Manche medizinischen Fachkräfte unterschätzen offenbar die Konsequenzen einer Diagnose. So finden mehr als die Hälfte der weltweit befragten, dass Menschen mit Demenz von Ärzten und Pflegenden nicht ernst genommen werden.
Das verursacht die Stigmatisierung von Demenz
Mangelndes Wissen ist ein Grund für Stigmatisierung. So fokussiert sich Berichterstattung über Demenz meist auf das letzte Krankheitsstadium. Die Öffentlichkeit nimmt Betroffene generell als schwer hilfsbedürftige Menschen zur Kenntnis, die kaum mehr etwas können, alles vergessen und ihre Angehörigen nicht mehr erkennen. Außerdem fürchtet sich die Mehrheit der Bevölkerung vor dem mit einer Demenz einhergehenden Persönlichkeitsveränderungen und Kontrollverlust.
Dabei folgt auf eine Diagnose normalerweise eine längere Zeit mit geringeren Beeinträchtigungen. Experten fordern deshalb, neben krankheitsbedingten Defiziten auch die weiter vorhandenen Fähigkeiten zu thematisieren. Nötig ist eine Aufklärung möglichst großer Teile der Bevölkerung. Betroffene, ihre Angehörigen, Pfleger und Wissenschaftler können in Schulen, Universitäten, Parlamenten und Medien über die Erkrankung informieren und so Menschen sensibilisieren. Im nachfolgenden Video stellt sich die Wiener Selbsthilfeorganisation Promenz vor:
Menschen mit Demenz können sich nützlich machen
Eine Demenzdiagnose bedeutet für jüngere Menschen normalerweise ein Ende ihres Arbeitslebens. In den meisten Fällen geschieht das auf Wunsch der Betroffenen. Sie glauben, ihr Pensum künftig nur unzureichend erfüllen zu können. Auch Arbeitgeber befürchten höhere Fehlerquoten. Sicher ist: Komplexe Tätigkeiten sind in der Regel ungeeignet. Dennoch verfügen viele Patienten, vor allem im Anfangsstadium, über Ressourcen für einfache Aufgaben. Eine Weiterbeschäftigung unter veränderten Bedingungen mindert nicht nur mögliche finanzielle Verluste, sondern kann auch Ausgrenzung verhindern.
Eine Diagnose weit vor Eintritt in das Rentenalter stellt Familien vor Probleme. Meist ist der Partner berufstätig, manchmal leben Kinder im Haushalt. Der Versuch, einen dementen Menschen in den Alltag zu integrieren, kann alle Beteiligten überfordern. Entscheiden sich Betroffene und Angehörige für eine stationäre Pflege, sind meist nur Einrichtungen verfügbar, die auf Bedürfnisse von Senioren abzielen.
Ein solches Umfeld kann bei jüngeren Erkrankten ein Gefühl der Stigmatisierung hervorrufen. Eine Alternative können Tageszentren, die auf die Betreuung Jüngerer spezialisiert sind, oder Demenz-Wohngemeinschaften sein. Beratungen bieten die nationalen Alzheimer-Gesellschaften oder der Sozialpsychiatrische Dienst der Gesundheitsämter. Unabhängig von Alter und Wohnsituation helfen Begegnungen von Menschen mit und ohne Demenz dabei, Hemmschwellen abzubauen. Ansprechpartner für entsprechende Angebote sind Kirchen, Nachbarschaftsinitiativen, Sportvereine, Kulturveranstalter oder Volkshochschulen.
Zehn Empfehlungen für die gesellschaftliche Akzeptanz von Demenz
- Öffentlichkeit besser informieren und aufklären
- Isolation der Betroffenen verringern
- Betroffenen eine Stimme geben
- Die Rechte von Menschen mit Demenz und ihren Pflegenden anerkennen
- Betroffene in lokale Gemeinschaften einbinden, etwa über Sport oder Kultur
- Unterstützung für ehrenamtliche und professionelle Pflegende
- Qualität der Pflege zu Hause und in Heimen verbessern
- Demenzkompetenz der Hausärzte verbessern
- Aufruf an die Regierungen, nationale Alzheimer-Strategien zu erstellen
- Forschung intensivieren
Quelle: Internationale Alzheimer-Gesellschaft (ADI)
Links und Literatur zur Stigmatisierung von Demenz
> Den gesamten Bericht der ADI zur Entstigmatisierung findest du hier (englisch
> Hier geht’s zu einem Artikel von Raphael Schönborn über Selbsthilfe und Selbstvertretung
»Es macht Menschen krank, wenn sie mit ihren Problemen allein gelassen werden. Deshalb ist es gut, dass es demenzworld gibt.«
Gerald Hüther, Hirnforscher und Bestsellerautor
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