Aggression
Aggression bei Demenz wirkt oft plötzlich – und trifft Angehörige hart. Doch hinter Wut und Abwehr steckt meist keine Absicht, sondern Überforderung. Wer die Ursachen versteht, kann ruhiger reagieren und Konflikte entschärfen.
Von Martin Mühlegg und Zeitenspiegel Reportagen
Aktualisiert am 4. April 2026
FAQ 1: Warum reagieren Menschen mit Demenz aggressiv?
Aggression entsteht selten grundlos. Häufig sind Schmerzen, Angst, Überforderung oder Missverständnisse der Auslöser. Wenn Worte fehlen, spricht der Körper. Wer die Situation genau beobachtet, erkennt oft, was wirklich hinter dem Verhalten steckt.
FAQ 2: Wie sollte ich in einer akuten Situation reagieren?
Wichtig ist, ruhig zu bleiben und Abstand zu halten. Keine Diskussion, kein Widerspruch. Eine einfache, klare Ansprache hilft mehr als Erklärungen. Oft reicht es, die Situation zu entschärfen – etwa durch einen Ortswechsel oder eine kurze Pause.
FAQ 3: Was hilft langfristig gegen aggressive Reaktionen?
Struktur, Sicherheit und vertraute Abläufe geben Halt. Reize reduzieren, Bedürfnisse früh erkennen und Überforderung vermeiden. Auch der Blick auf körperliche Ursachen ist wichtig. Je stabiler der Alltag, desto seltener eskalieren Situationen.
Aggression kommt aus dem Lateinischen aggressio und bedeutet: sich nähern, angreifen. Im Tierreich ist aggressives Verhalten weitverbreitet, weil es um Ressourcen oder um Nahrung geht. Aggressionen gehören auch zum menschlichen Verhalten. Sie entstehen, wenn wir frustriert oder gestresst sind. Die Pflege eines Menschen mit Demenz erfordert viel Geduld und Kraft. Oft verändern sich im Verlauf der Krankheit der Charakter und das Verhalten. Zum Beispiel kann sich eine betroffene Person über Banales aufregen. Manchmal fallen Reaktionen auch heftiger aus: Einige Menschen mit Demenz können verbal auffällig werden, andere Menschen beschimpfen oder anschuldigen. Oder sogar kneifen, beißen oder schlagen.
Welche Ursachen Aggressionen haben können
Manchmal sind körperliche Schmerzen die Ursache für Unruhe und Aggression. Menschen mit Demenz können meist nicht mehr äußern, wenn ihnen etwas wehtut. Wer das Essen verweigert, hat vielleicht Zahn- oder Bauchschmerzen. Oft sind andere Gründe zu nennen, wie Überforderung, Verunsicherung, Angst, Frustration, die in Aggression umschlagen kann. Für Angehörige und Pflegende ist es schwierig, dies zu ertragen. Wenn inkontinente Patienten beispielsweise nicht verstehen, was bei der Intimpflege mit ihnen passiert, deuten sie diese als Angriff. Sie schieben die Pflegenden weg oder versuchen, sie zu schlagen. Nachfolgend ein paar Beispiele für herausforderndes Verhalten:
- Sagt der Vater, dass er sich mit Freunden zum Skatspielen verabredet hat, obwohl diese schon lange tot sind? Dann wird er wütend, wenn man widerspricht.
- Verlegt dein eifersüchtiger Mann seinen Hausschlüssel immer wieder und behauptet, du hättest ihm den Schlüssel weggenommen, um ihn zu Hause einzuschließen, damit du zu einem anderen Mann gehen kannst?
- Hast du dir viel Mühe gegeben, etwas Leckeres zuzubereiten, und der demenzkranke Angehörige schmeißt «den Fraß» einfach auf den Boden?
- Die schwer pflegebedürftige und hochbetagte Frau wehrt sich mit Schlägen, Tritten und Bissen gegen die Körperpflege
- Der frühere Trinker und an Korsakow erkrankte Mann wehrt sich mit wüsten und verletzenden Beschimpfungen gegen alles, was ihm in die Quere kommt.
Die Demenzformen beeinflussen die Symptome. Patienten mit Frontotemporaler Demenz sind häufig stark enthemmt. Versucht man, diese Enthemmung zu bremsen, können sie aggressiv werden. Bei Vaskulärer Demenz können starke Stimmungsschwankungen zu Aggressionen führen, bei Alzheimer-Demenz sind es eher Wahnsymptome: Patienten, die glauben, sie würden vergiftet, wehren sich entsprechend gegen die Medikamentenaufnahme.
Doch wenngleich man alle möglichen Gründe für Verhaltensstörungen eruiert, wird man sie nicht immer ohne Medikamente lindern können. Das muss der behandelnde Arzt in Absprache mit den Pflegenden und Angehörigen entscheiden. Im nachfolgenden Artikel erklärt der Gerontopsychiater Florian Riese von der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich was zu tun ist, wenn aggressive Menschen mit Demenz sich und andere gefährden.
Wie du auf Aggressionen reagieren kannst
Hier sind neun Tipps für Heim und zu Hause von Heidi Baschek (57), examinierte Altenpflegerin, und Ellen Panke, Krankenschwester:
- Verlasse die Situation. Ich komme ins Zimmer und der Patient reagiert ungehalten und ablehnend. Dann sage ich oft: «Einen kleinen Moment bitte, ich komme gleich wieder.» Ich verlasse also die Situation und diese Unterbrechung nimmt oft die Anspannung raus. Je nach Demenzform kann es passieren, dass der Patient sich gar nicht mehr erinnert, dass ich diejenige bin, die kurz zuvor schon einmal ins Zimmer gekommen ist. Auch ich selbst habe mich dann meistens beruhigt und kann mich besser auf den Patienten einstellen.
- Atme tief ein. Eine zweite Strategie, die bei mir gut greift: tief einatmen und 21, 22, 23 … zählen. Dabei werde ich tatsächlich ruhiger.
- Reagiere wertschätzend. Diese Herangehensweise ist die beste: Ich reagiere wertschätzend. Das heißt, ich versuche, die Situation umzudrehen und deeskalierend auf den Patienten einzuwirken. Sofern er es zulässt, nehme ich Körperkontakt auf, berühre ihn am Arm oder an der Schulter und versuche, ihn durch streichende Bewegungen zu beruhigen. Das funktioniert oft gut. Allerdings bin ich nicht immer dazu in der Lage.
- Berühre den Patienten nicht am Kopf. Man muss auch vorsichtig sein, ich habe schon einmal eine gewatscht bekommen. Wichtig ist, den Patienten in einer solchen Situation nicht am Kopf oder im Gesicht zu berühren, das wird leicht als Angriff empfunden.
- Sprich langsam und tief. Mit tiefer Stimme, in kurzen Sätzen und langsam sprechen – das kann deeskalierend wirken.
- Betrachte Aggression als Symptom der Demenz. Was mir hilft, wenn Demenzkranke aggressiv werden: Ich sage mir, dass es nicht sie selbst sind, die mich beschimpfen, dass es vielmehr die Krankheit ist, die sie so hat werden lassen. Ich versuche, die Aggression zu betrachten wie ein Symptom, ähnlich wie einen auffälligen Puls.
- Knüpfe an das an, was den Patienten beschäftigt. Eine andere gute Methode ist, sich auf die Wut des Patienten vollkommen einzulassen, seine Wahrheit nicht infragezustellen. Wenn mir ein 94-jähriger Patient mit abwehrenden Handbewegungen erklärt, er hätte jetzt keine Zeit für mein Anliegen, er müsse seine vierjährige Tochter aus dem Kindergarten abholen, dann erkläre ich ihm nicht, dass seine Tochter inzwischen Ende 50 ist und nicht mehr in den Kindergarten geht. Vielmehr versuche ich, das, was ich pflegerisch plane, mit seinem Wunsch zu verbinden. «Ja, Sie sind ein zuverlässiger Mann, Sie wollen nicht zu spät kommen, das verstehe ich. Aber vielleicht darf ich Ihnen vorher dabei helfen, ein wenig gut auszusehen.» So oder ähnlich versuche ich, ihn abzulenken. Das funktioniert meistens.
- Erlaube dir ein Lachen! Was für mich ganz allgemein im Umgang mit Demenzkranken ebenfalls wichtig ist: Man darf lachen. Nicht über die Demenzkranken, aber mit ihnen. Wenn die Patientin sich etwa mit der Gabel die Haare kämmt: Dann lache ich nicht, weil sie etwas Lächerliches getan hat, sondern weil die Assoziation, die sie hat, für mich sogar nachvollziehbar ist und mir Freude bereitet. Das wiederum freut sie. Vielleicht lässt sich so manche aggressive Situation auflösen – das sollten wir häufiger probieren.
- Sprich mit Kollegen über eskalierte Situationen. Dennoch: Es gibt immer wieder Situationen, in denen man die Geduld verliert, wenn Patienten zum Beispiel sehr persönlich werden oder einen unsittlich berühren. So etwas beschäftigt mich lange, weil ich dann glaube, professionell versagt zu haben. Andererseits: Erfolgreich ist man mit seiner Arbeit nur, wenn man menschlich bleibt und sich berühren lässt. Ideal ist es, wenn man über solche Erfahrungen mit Kollegen sprechen und Lösungen finden kann.
Welche Hilfsangebote gibt es für Angehörige?
Manchmal geht es trotz aller Strategien und Methoden nicht mehr. Für die Pflegenden ist es belastend, wenn Menschen mit Demenz schreien oder um sich schlagen, sobald sie gewaschen werden sollen. Es ist erschöpfend, wenn sie jede Nacht um Hilfe rufen (vorwiegend für zu Hause pflegende Angehörige). Kein Mensch hat die Kraft, dies über längere Zeit allein auszuhalten.
Manchmal helfen alle Tipps zur Deeskalation nicht mehr weiter. Dann braucht es Unterstützung. Entweder können die Aufgaben innerhalb der Familie verteilt werden oder man holt professionelle Hilfe. Ein ambulanter Pflegedienst oder eine Kurzzeitpflege verschaffen Pausen. Neben Selbsthilfegruppen, Internetforen oder Weblogs kann man sich auch in Angehörigenschulungen und Selbsthilfegruppen Rat holen und Erfahrungen austauschen.
«Muss eine Pflegekraft Schläge ertragen, verbale Aggressionen, verletzende Worte?» Im Lernvideo ein Plädoyer von Michael Schmieder, in dem er sich dafür ausspricht, einen Weg zu finden, der geprägt ist von Wertschätzung, Liebe und Beziehung:
Links und Literatur zu Aggression bei Demenz
> Hier geht es zu den Anlaufstellen in der Schweiz, in Deutschland und Österreich
> Ian Andrew James u.a., Herausforderndes Verhalten bei Menschen mit Demenz, Hogrefe 2019
> Stephen Weber Long, Herausforderndes Verhalten, Hogrefe, 2021
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